Beschreibung Müllrecycling in Kairo
Diskussion begonnen von emkai , am 08 August 16:08

DerArtikel „Das Blut der Revolution“ in der Onlineausgabe der Süddeutschen hat mich auf eine Idee gebracht. Im Artikel geht es um die präkere Situation von Millionen von Slumbewohnern in Kairo, deren Lebenssiuation sich trotz Umsturz nicht verbessert hat und daher idealer Nährboden für extreme Entwicklungen ist.

Die Bewohner verdienen ihren Hungerlohn mit Müllrecycling. Sie leben quasi darin und picken sich Verwertbares heraus, eine andere Perspektive bietet sich ihnen nicht. Medizinische Versorgung, Hygiene und Sicherheit sind ein weit entfernter Luxus. Was die Menschen dort mE brauchen ist ein grundlegendes wirtschaftliches Leben, das sie vielleicht nebenbei vom Leben direkt auf der Müllhalde befreit.

 

Hier meine Idee dazu:

Angenommen man steckt eine große freistehende Fläche ab und unterteilt sie in vier Teile. Dann bezahlt man die Menschen 2ct dafür, Müll dorthin zu transportieren, der auf einer der vier Flächen gelagert wird. Gleichzeitig bietet man ihnen an, all den Müll auf dem Areal wieder mitzunehmen, den sie verwerten können.

Sie trennen den Müll wie immer und nehmen Aludosen, Plastikflaschen und andere verwertbare Dinge wieder von der Halde auf der Fläche mit. Beim Verlassen des Areals aber müssen sie für den Müll den sie mitnehmen eine Gebühr bezahlen, beispielsweise 8ct pro Kilogramm. Der Preis für das herausbringen muss zwischen dem Preis für das hereinbringen und dem Preis der Rohstoffgroßhändler liegen.

Da anzunehmen ist, der Rohstoffwert sinkt nach jedem Tag ist es geschickt, die Gebühr für das Herausbringen von Müll zu senken, wenn er bereits seit einem oder zwei Tagen durchwühlt wurde. Als Mitnahmegebühr würden sich im Beispiel etwa 7ct für Müll von gestern eignen und 6ct für den von vorgestern. Drei der vier Flächen auf dem Area werden also wechselseitig für frischen und werthaltigen Müll verwendet und die vierte für Müll, der keine Wertstoffe mehr enthält und dort bleiben soll.

 

Dadurch machen die Menschen weiterhin das, was sie immer machen, Müll recyclen. Nur sie machen es auf einem weit höheren Niveau, da erstens der Müll aus ihrem Wohnbereich verschwindet. Zweitens, jeder kann leicht Geld verdienen da es Müll immer und überall gibt. Drittens, es entsteht eine arbeitsteilige Wirtschaftstätigkeit, mit Spezialisten für das Sammeln, das Sortieren und die Weiterverwertung der Materialien. Hinzu kommen weitere daran angeschlossene Dienste, die sich alle um die Müllhalde herum gruppieren und sich vom reinen Recyclinggeschäft absetzen werden.

Vorausgesetzt der alte wertstoffreie Müll kann auf der Halde gelagert bleiben ist diese Art der Recyclingwirtschaft sogar profitabel. Es muss lediglich die Startphase abgewartet werden, wenn jeder ausschließlich Müll dorthin bringt. Aufgrund der Rohstoffpreise (siehe Plastikgranulat 400 Euro pro m³) sollte der Wirtschaftskreislauf aber von selbst anspringen und den Menschen ein gutes/steigendes Auskommen sichern.

Die Idee kann für Kairo angewendet werden, aber nichts spricht dagegen sie überall dort zu nutzen, wo Menschen im Müll hausen. Alles andere ändert sich dann mit der Zeit von selbst. Voraussetzung für den Aufbau eines derartigen Systems ist natürlich ordentlich Kapital zum Aufkauf der Fläche, der Organisation der Halde und den anfänglichen Ankauf von Müll. Dazu kommen noch Kenntnisse über den Ort und die Mentalität. Alles Dinge die ich leider nicht selbst bieten kann..

Was haltet ihr von der Idee, kann sie funktionieren?

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emkai
Mit Korruption muss man rechnen, klar. Aber das ist eher eine Nebenbedinung die letztlich mit 10% in die Kostenfunktion einbezogen wird.

Konkrete Pläne zur Idee gibts nicht. Dazu fehlt mir die Aussicht, das Ding jemals umsetzen oder wenigstens vor Leuten präsentieren zu können die sowas umsetzen könnten. Das ist mehr so eine Idee der Kategorie "wenn das Wörtchen wenn nicht wär.."
Würde mich aber sofort ans Werk machen, falls sich die Vorzeichen ändern;p

Grob überflogen müsste der Investitionsbetrag eher 7-stellig sein, da der Platz mit Aufbereitung recht teuer sein dürfte. Mit 1 Euro all inkl. Kosten pro m² ist dan nämlich schonmal eine Million weg. Personal sollte nicht so teuer sein, der Durchschnittsstundensatz dürfte 2 Euro nicht übersteigen, kann also mehr oder wenger vernachlässigt werden.

Dazu kommt dann noch der Cash-Outflow durch das Ansammeln des Mülls.
Rechnet man pro Einwohner mit 1 kg Müll pro Tag, dann müssten bei bei 1ct pro kg fürs Einsammeln im ersten Monat 3 Mio Euro zur Verfügung stehen, um die Liquidität zu sichern.

Mit einem verwertbaren Anteil von 25% und einer mittleren Entnahmegebühr von 5ct kommen auf der anderen Seite pro Monat zwar 3,75 Mio Euro wieder rein, aber das ist insb. anfangs mehr ein theoretischer Wert.

Nimmt man an, dass es 5 Monate dauert bis das System implementiert ist, dann brauchts um die 5-7 Mio. Euro um alles zu finanzieren. Das wiederum liegt leider weit außerhalb meiner Möglichkeiten und meiner Glaub&Kreditwürdigkeit...
Samstag, den 13. August 2011 um 13:25 Uhr
 
Sven Bredow
Profitabel sollte es auf jeden fall sein, und letzendlich kann es das wohl auch. Ob es nach unseren westlichen Maßgaben jetzt große Rendite abwirft denke ich zwar nicht, aber wenn es dort wirtschaftlich funktioniert, arbeitsplätze schafft (direkt auf der Kippe und indirekt für die Sammler) und Leute von der Straße holt ist ja es ja schonmal viel wert.

Korruption - Wirds geben.
In Ägypten kann ich da zwar nicht aus eigener Erfahrung sprechen, aber in anderen Afrikanischen und Nahost Ländern ist es durchaus üblich, dass man die Räder ein wenig schmieren muss.
Zusätzlich kommt dort die relativ neue und noch nicht unbedingt stabile Regierung. Es wird noch eine weile dauern, bis die 'sauber' ist.
Die Gefahr Müllmafia ist wohl wirklich relativ klein, ich denke das hängt aber auch damit zusammen, dass die öffentlichen Gelder für die Entsorgung nicht wirklich hoch sind, was denn wieder andere Nachteile hat =)

Hast du dir schon grobe Gedanken zur Investitionshöhe und Finanzierung gemacht? Ich denke mit Land, Gerät etc würde - je nach Größe des Projektes ja schon locker ein hoher sechsstelliger Betrag zusammen kommen..

Achso, Lage in Ägypten hat natürlich auch Vorteile.. Man könnte zusätzlich Müll aus Europa einschiffen lassen, was zusätzlichen 'wertvollen' Müll und auch zusätzlich Geld bringen würde. Gut, obs das Ziel Kairo zu entmüllen zuträglich wäre sei dahingestellt -.-
Mittwoch, den 10. August 2011 um 21:02 Uhr
 
emkai
Also öffentliche Subventionen kann ich mir auch vorstellen. Ziel ist es aber, das ganze gewinnorientiert zu betreiben und den sozialen Aspekt als eine/die Nebenbedingung einzubauen. Staatliche Gelder wären natürlich toll, aber ein System kann/sollte immer nur dann überleben, wenn es auf eigenen Beinen steht. Und Müllrecycling (und damit das System) kann durchaus profitabel sein.

zu Sondermüll:
Das Sondermüllproblem hab ich mir auch schon durch den Kopf gehen lassen. Alte Batterien, ölverschmiertes Zeug etc ist durchaus ein Problem. Man müsste da bei jeder Anlieferung kurz drübersehen und evtl. extra Prämien dafür ausloben, wenn jemand was giftiges entdeckt und rauszieht. Da muss man sehen, wie das im Rahmen der Gebühren&Prämienordnung eingebaut werden kann, ohne dass man Miese macht. Denke aber, das lässt sich durchaus hinbiegen.

Insgesamt würde ich aber behaupten, Umweltauflagen spielen in Ägypten (und anderswo in ärmeren Gegenden) eher eine kleine bis gar keine Rolle. Die Leute und der Staat haben andere Probleme. Trotzdem müsste man die Fläche der Deponie entsprechend präparieren, dass nicht die komplette Brühe ins Grundwasser sickert. Ich bin kein Experte, aber doch relativ sicher, dass es da kostengünstige Lösungen gibt. Notfalls sammelt man das Sickerwasser und füllt es in Fässer ab, die dann in 30 Jahren entsorgt werden können.

zu Mafia&Korruption:
Korruptionsprobleme oder eine Mafia würde ich keine erwarten. Denn die gibt es nur da wo man durch Beschiss an Geld rankommen kann, also in Ländern mit (halbwegs) funktionierendem öffentlichen Entsorgesystem und entsprechenden Auflagen. Die Müllmafia in Italien etwa macht auch nur deshalb so ein gutes Geschäft, weil sie Sondermüll unschlagbar günstig entsorgen kann. Wo es keine Entsorgung bzw. keine Auflagen dafür gibt oder deren Kontrolle fehlt, da gibts auch keinen Anlass für Mafia, aktiv zu werden.
Wer allerdings Probleme bekommen könnte sind die Sammler. Denn die sind dem harten Wettbewerb ausgesetzt. Da kann es schnell zu Zuständigkeits- und Koordinationsproblemen kommen. Als Betreiber der Müllkippe kann man sich da aber außen vor halten und man muss es wohl auch, sonst steht man sehr schnell zwischen den Fronten.

zum Tourifaktor:
Kairo ist ein Moloch mit ~10 Mio Einwohnern. Das Ding ist rießig! Als Tourist bekommt man vielleicht den 5% Hochglanzteil der Stadt zu Gesicht, der Rest aber gehört den Kairoern. Und auch wenn es nicht unwahrscheinlich ist, dass die Müllkippe auf einer archäologisch wertvollen Ruine entsteht, das ganze Land dort ist voll damit. Ich habe daher keine Bedenken, dass es da Probleme geben könnte, zumal die wahrscheinlich froh sind, wenn jemand Geld in der Stadt investiert..

Noch ein Vorteil an Kairo, bzw. Ägypten generell. Das Land ist ja quasi eine große Wüste mit dem Nil in der Mitte. Die allermeisten der 80 Mio Einwohner wohnen daher am Nil- und Mittelmeerküstenstreifen. Das sind so 30-50 km auf beiden Seiten. Der Rest ist mehr oder weniger frei. Dh. für eine Müllkippe wäre dort sehr viel Platz.

zu Kairo oder Mumbai:
Ich denke ich habs in der Beschreibung geschrieben, Kairo war mein Aufhänger und ist nur ein Beispiel, wo es angewandt werden kann. Im Prinzip kommen sämtliche Gross- und Megastädte mit hohem Slum&Armenanteil in Frage. Von Sao Paulo über Kinshasa, Kairo bis hin zu Jakarta, Mumbai und Manila ist das System überall adaptierbar.

Deine Kritik ist übrigens gut, kannst auch gerne ein bisschen abschweifen. Da findet man die Fehler im System besser.;p
Mittwoch, den 10. August 2011 um 17:20 Uhr
 
Sven Bredow
Also in dem Bereich Social Entrepreneurship durchaus denkbar. Eventuell könnte man sich die Investitionskosten durch öffentlichen Mitteln und Sponsoren finanzieren lassen.
Weitere Kosten würden natürlich anfallen wie zB Entsorgung von Sondermüll (keine Ahnung wie das die Gesetze in Ägypten oder anderen Ländern sind) sowie Personal. Solange das ganze Kostendeckend ist wäres ja eine erstrebenswerte Sache.
Toll wäre natürlich wenn man noch (Inter-) nationale Gelder pro entsorgter Tonne Müll bekommen würde, und das dann auch direkt an die Leute weitergeben könnte. Würde einen noch größeren Reiz schaffen.

Risiken sind aber vorallem die rechtliche und natürlich Sachen mit Korrpution, etc..
Wenn man in die westlichen Länder schaut ist gerade das Müllgewerbe ja stark umkämpft - teils soweit, dass es in Richtung organisierte Kriminalität geht. Wie das in den ärmeren Ländern ist kann ich nicht sagen, aber da dort sicher noch ein wenig mehr Korruption herrscht und die sicher nicht so gerne (indirekte) Konkurenz haben wollen könnte das durchaus ein Risikofaktor sein.

Als nächstes wäre die Lage nicht unwichtig. Naja, an Land zu kommen, dass direkt an ein Slum angrenzt sollte nicht zu schwer und teuer sein.
Das Problem könnte werden, eine Müllhalde mitten am Stadtgebiet zu bauen. Gerade in Kairo, welches aus unsere Sicht zwar eine relativ arme Stadt ist aber durch die Touristenfülle evtl davon nicht ganz so begeistert wäre.

Ich schweife ein wenig ab, aber das hat mehr damit zu tun, dass ich die Idee durchaus gut finde ;)
Allerdings denke ich, dass sich das System noch besser in zB Indien durchsetzen würde. Nicht zuletzt, weil der Staat dort um einiges stabiler ist und auch mal solche Projekte fördert - Ist grad wegen der näheren Vergangenheit in Ägypten ja noch alles nicht so klar. Dazu kommt noch die höhere Bevölkerungsdichte und die dadurch größere Müllproduktion.
Noch dazu ist Indien eher als 'Problemland' bekannt, was ausländische Sponsoren eher anlockt.
Dienstag, den 09. August 2011 um 19:35 Uhr
 
emkai
Hi,

danke für die Antwort. Also klar, das bleibt natürlich eine Option für die Sammler. Die Frage ist natürlich, was für Sammler profitabler ist und da denke ich, dass sich die zentrale Sammelstelle und das dortige Selektieren auf Dauer durchsetzen wird, weil

1. Es kostet Zeit, den Müll zu sammeln und trennen. Es ist fraglich, ob das lukrativer ist, als das sammeln und direkte abgeben. Die Opportunitätsrechnung dazu lautet:

Menge Wertstoffe * Verkaufspreis / (Sammelzeit + Selektierzeit) + Menge Restmüll * Abgabepreis / Sammelzeit
!> Menge Müll * Abgabepreis / Sammelzeit

Nur wenn die Gleichung passt, lohnt es sich die gegenwärtige Praxis aufrechtzuerhalten und der zentralen Sammelstelle zu bevorzugen. Das ist denke ich fraglich, selbst wenn man davon ausgeht, dass der übrige Restmüll letztlich abgegeben wird.

2. Das Bezahlen fürs Abgeben des Mülls ist sicheres Geld, das Selektieren dagegen nicht. Es ist nicht klar, wie viel Plastik man aus einer Menge Müll herausholen kann, sprich wie viel Geld damit zu machen ist. Dem gegenüber stehen eben die sicheren Einnahmen aus dem Sammelgeschäft. Vom Gefühl her würde ich sagen, die Leute bevorzugen mehrheitlich die sichere Variante und beeilen sich, möglichst viel Müll zusammenzutragen. Dadurch wird der Wertgehalt des Mülls auf der Sammelstelle steigen.

3. Die Sammler werden sich organisieren, einen Transporter besorgen und dann wie du schreibst tonnenweise Müll dort abgeben. Der Markt wird sich in der Folge sehr schnell konsolidieren und von kleineren bis größeren Sammelgruppen mit entsprechend Ausrüstung beherrscht. Einzelne Sammler werden zwar noch vorkommen, aber wohl eher die Ausnahme bilden. Sprich, diese werden auf die Müllhalde abwandern und dort selektieren.

4. In reicheren Vierteln gibt es wahrscheinlich eine Müllabfuhr, aber die ist vermutlich privat organisiert. Sprich, deren werthaltiger Müll würde ohne Umwege auf der Kippe landen, denn da bekommen die Abfuhrunternehmen Geld, wogegen der Müll bislang einfach nur irgendwo abgekippt wurde, wo es niemanden gestört hat.

Insgesamt also wird der Markt sich nach einer Konsolidierungsphase zu Beginn dahin bewegen wo er hinsollte: Die Sammler organisieren sich, wachsen und teilen sich den Markt. Kleine marginale Sammler werden zwangsläufig zu Selektierern und auf die große Müllkippe ausweichen, oder aber sich einer großen Müllabfuhr anschliessen.
Letztlich hat das Modell des "Allrounders" aufgrund der fortschreitenden Arbeitsteilung der Gesamtmüllökonomie keine Chance und wird größtenteils verdrängt werden.

... behaupte ich.
Dienstag, den 09. August 2011 um 16:59 Uhr
 
Sven Bredow
Moin,
Prinzipiell eine gute Sache. Aber wieso sollte jemand Aludosen, Plastikflaschen etc dahinbringen und die nicht schon einfach vorher aussortieren?
Dadurch wäre der lagernde Müll auch mehr oder weniger wertlos und es würde sich für die 'Sammler' kaum lohnen überhaupt zu suchen.
Der Anreiz dort Müll abzugeben ist zwar für die Leute in den Slums vorhanden, aber von da wird kein 'werthaltiger' Müll kommen. Und ich denke in den gehobeneren Gegenden gibt es schon Müllentsorgung. Letzendlich muss für die 'Lieferanten' der Anreiz so sinnvoll sein, dass sie direkt ohne Vorzusortieren große Mengen liefern (und ich meine hier ein paar tonnen).
Zeitgleich muss das verhälltniss aus wertlosen und wervollem Müll stimmen um irgendwie kostendeckend zu arbeiten. Ich denke hier helfen nur Erfahrungswerte.
Wenn man allerdings das ganze staatlich fördern kann, so könnte das ganze schon funktionieren.

Noch weitergedacht wäre das ganze ein schöner Ansatz für eine Müllverbrennungsanlage. Man bräuchte selber ja kaum noch vorzusortieren oder sich um die Beschaffung kümmern..
Dienstag, den 09. August 2011 um 15:54 Uhr